In einer Schneekugelwelt - von Glas ganz umhüllt, mit Flocken gefüllt - da lebten in winzigen Häusern ganz kleine Leute. Früher bestimmt - und vielleicht auch noch heute.

Welt aus Schnee

In einem solch winzigen Haus, Rauch raucht beim Rauchfang heraus, da wohnt Fräulein Zieselhild Zauserl und erlebt so manche Geschichte - deren zehnte ich heute berichte.

Episode 10 - Die Reise

          Vorsichtig stieg Pater Klöppl die Stufen der Pfarrei zur Pforte hinab, denn er war nicht mehr der Jüngste, und die Stufen waren von seinen eigenen Schritten und den seiner zahllosen Vorgänger glattgeschliffen und abgenutzt. Voll Schmerz furchte sich des Paters Stirn, als er den Blick über die Straße und die gehastigen Menschen auf ihr schweifen ließ - keiner unterbrach seine Eile, um ihn zu grüßen, ja, kaum einer gönnte ihm auch nur einen Blick. In Stille hetzten sie vorüber, die Getriebenen, die Rastlosen. Ja, ums Seelenheil seiner Schäfchen war es nicht zu gut bestellt, das hatte Pater Klöppl seit Langem schon bemerkt - Immer weniger besuchten die Messe, zur Beichte kam beinahe keiner mehr. Armer Pater Klöppl - es wuchs des Pfarrers Sorge im selben Maß, in dem die Zahl derer, die seine kleine Dorfkirche noch betreten wollten, abgenommen hatte. War die Sünde denn normal geworden? Die Beichte nicht länger noch von Nöten?

 

          Und was war das? - dachte der betagte Pfarrer, als er den Briefkasten öffnete - das Kästchen leer? Die Post ward ihm also auch gestohlen! Pater Klöppl spürte bereits, wie die Ader an seiner Schläfe wieder hervorzutreten drohte, wie stets, wenn Zorn sich seiner bemächtigte. Huligane allerorts!

Was er nicht zu sehen vermochte, weil es in seinem Rücken geschah, und nicht zu hören vermochte, weil seine zunehmende Taubheit es unmöglich machte, war Frau Grießchen, die Pfarrersköchin, die hinter ihm mit der Post wedelte, die sie selbst zuvor dem Kästchen entnommen hatte, und nach dem alten Herrn nun rief, während sie auf ihn zuwackelte.

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Die Reise
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Episode 9 - Titania

          „Vielleicht aus Weißenstätt - hinter den südlichen Bergen?“

          „M-m.“

          Oder etwa aus Flockenhausen?“

          „Nein.“

          Fräulein Zieselhild Zauserl hatte immer mehr den Eindruck, einen Monolog vorzutragen, anstatt ein Gespräch zu führen, unterbrochen allein von verächtlicher Ablehnung ihres Gegenübers.

          „Etwas heißen Tee?“, hatte sie das Mädchen gefragt.

          „Nein.“

          „Oder Milch?“

          „M-m“

          „Etwas Kuchen vielleicht?“

          „Nö.“

          Zieselhild hatte schließlich doch eine große Tasse heißen Eisenkrauttee vor dem jungen Mädchen auf den Tisch gestellt und hatte versucht herauszufinden, woher es stammen mochte.

          „Doch nicht etwa aus Wechtendorf?“

          „Nein.“

          Zieselhild hatte nun bald alle Ortschaften, die sie kannte, aufgezählt, aber das Mädchen schien keine davon zu kennen - vielleicht kannte der Seher noch ein paar mehr und würde helfen können, die Herkunft des Mädchens zu enträtseln, wenn er, wie Zieselhild hoffte, nur bald wiederkam. Wenigstens den Namen hatte das Mädchen genannt: Titania, hatte es gesagt, lautete er. Und Titania saß nun auf einem der Stühle beim Küchentisch und schnitzte ohne aufzublicken an einer Astgabel herum anstatt mit Zieselhild ein vernünftiges Gespräch führen zu wollen.

 

          Ob es nicht vielleicht doch Frau Wummrich war, die, enorm verjüngt durch einen einzigen, winzigen Schluck des Zaubertranks, den Zieselhild ihr leichtfertig unterschoben hatte, nun einer jungen Maid glich und sie nun zum Narren hielt? Ach, Unsinn! Das helle Haar, die schlaksige Figur, der leicht beleidigte Zug um den Mund - unverzichtbares Accessoire jedes Mädchens dieses Alters - nie und nimmer würde sich die genäschige Eisenschmiedsgattin dergestalt verändert haben können.

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Episode 8 - Onkel Alfons

           Diese Schneekugelwelt, von Glas ganz umhüllt, mit Flocken gefüllt, ist nur eine von vielen in einem Zimmer am Dach - und gewiss nicht zum Spielen.

Unter dem Dach mit dem Zimmer, da leben schon immer doch seit heute morgen die Schwester, der Schwager, die Nichte in Sorgen. Und was ich von dieser Familie berichte - das ist die achte Geschichte.

 

          "Na endlich! Ich schlag schon Wurzeln."

          "Entschuldige!“

          "Es ist saukalt. Ich hab dir schon zwei SMS geschrieben.“

          "Oh. Hab ich nicht gesehen.“

          "Wo bist du denn so lange gewesen?

          "Ich hab nicht wegkönnen. Meine Eltern haben schon wieder gestritten."

           Die beiden Mädchen küssten einander auf die Wangen.

          "Ist das nicht die beste Gelegenheit, um unbemerkt wegzukommen?", fragte das eine.

          "Nicht, wenn sie ausgerechnet im Vorzimmer streiten", antwortete das andere.

          "Im Vorzimmer? Stark! Meine gehen zum streiten extra ins Schlafzimmer."

           "Ich wünschte, das täten meine auch. Ich musste durchs Fenster raus. Komm, gehen wir rein."

            Die beiden betraten die 'Shakezentrale', das im Moment am wenigsten angesagte Lokal im ganzen Viertel und somit der beste Ort, wenn man seine Ruhe haben wollte.

Das Lokal war auch tatsächlich völlig leer, bis auf eine Frau, die, angetan mit Jeans und einem Pullover, über dem sie eine Schürze trug, auf den Tresen gestützt, in einer Illustrierten las.

           "Hallo Isa, hallo Tanja!", rief sie, als die Mädchen das Lokal betraten.

           "Hallo, Frau Herzogin", grüßten die beiden zurück und setzten sich an ihren angestammten Tisch.

          "Einmal Erdbeer, einmal Haselnuss-mit-allem-aber-ohne-Schlag, wie immer?“, fragte die Herzogin, während die Mädchen sich setzten.

          "Mit Schlag“, erwiderte Tanja und seufzte.

          "O je“, murmelte die Herzogin leise und begann die beiden Milchshakes herzurichten . 'Mit Schlag' bedeutete, dass etwas passiert war.

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Episode 7 - Der Trank

          Etwas abseits von dem kleinen Häuschen in der Flockerlheide Nummer 1 befindet sich ein kleines Hüttchen, nur aus ein paar schief zusammengenagelten Brettern bestehend und von einer einfachen Tür verschlossen, die das einzige Zierat enthält, mit dem man das bescheidene Bauwerk bedacht hat - ein kleines ausgeschnittenes Herz, durch das man ins Innere des Hüttchens sehen kann, um zu prüfen, ob darin Platz zu nehmen möglich sei oder ob sich jemand anders bereits darin befinde.

          Wir aber wollen uns nicht weiter nähern - Gott bewahre - wir brauchen nicht hineinzusehen, denn die Geräusche, die gerade aus dem Hüttchen dringen, teilen uns unmissverständlich mit, dass es bereits von jemandem besetzt ist. Von jemandem, dessen Leibesmitte, darüber kann kein Zweifel bestehen, unter ernstzunehmenden Beschwerden leidet - vermutlich, so klingt es jedenfalls, auf Grund eines erst kürzlich vorangegangenen profunden Ernährungsfehlers. Wir wollen darum ferne bleiben und uns bemühen, die Geräusche, die hinauszudringen die schwache Tür nicht verhindern kann, möglichst zu ignorieren.


          „Dreihundertundeinundsechzig, dreihundertundzweiundsechzig, dreihundertunddreiundsechzig...“

Wie schon zweimal zuvor an diesem Morgen, bemühte sich Wetterhahn Gockl mit aller Kraft, da die Entfernung zum Hüttchen zu seinem Bedauern konstruktionsbedingt unverändert bleiben musste, die durch die herzverzierte Tür dringenden Geräusche zu überhören und zählte dazu laut die Tannenbäume, die er von seiner Befestigungsstange am Giebel des Türmchens aus zu sehen vermochte.

„Dreihundertundachtundsechzig, dreihundertundneunundsechzig, dreihundertundsiebzig...“

Gockl konnte, vor allem wenn man gewöhnliche Wetterhähne als Vergleich heranzog, nicht nur ausgezeichnet sehen, sondern ebenso gut zählen, und er zählte immerhin 376 Bäume, ehe die herzverzierte Tür sich endlich wieder öffnete und Fräulein Zieselhild Zauserl, einen recht erschöpften Gesichtsausdruck um die blasse Nase tragend, der Hütte entstieg und durch den Schnee und den Vorgarten zurück ins Haus wankte.

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Episode 6 - Des Waldes Ruh'

          Fräulein Zieselhild Zauserl packte die Tasche aus feinem Rehleder mit Butterbroten und einer Flasche „Zieserls erlesener Lese“ und gähnte herzhaft, während sie das tat. Zweimal schon war sie sogar während des Packens eingeschlafen und erst aufgeschreckt, als die Butterbrote ihrer erschlaffenden Hand entglitten und auf den Boden gefallen waren.

Freilich, das Zieserl, wie das Fräulein Zauserl auch genannt wurde, war kein Morgenmensch, aber selbst Leute mit ausgeprägtem Hang zum Frühaufstehen hätten um diese Stunde Schwierigkeiten gehabt, die Augen offen zu halten, denn es war gerade fünf Uhr morgens, und draußen war es noch finstere Nacht.


          Wie, das mögen nun aufmerksame Leser, die des Zieserls großes Talent als Langschläferin bereits kennen, mit Recht fragen, wie hat - oder vielleicht : wer hat es geschafft, das Fräulein um diese nachtschlafene Zeit zu wecken? - Nun, ganz korrekt wäre in diesem Fall: was hat es geschafft, das Zieserl zu wecken? Ein Wecker nämlich. Natürlich hat dafür kein gewöhnlicher Wecker genügt - nein, ein besonderer Wecker, eine kostspielige Spezialanfertigung von Herrn Wummrich, dem Schmied, ausgestattet mit riesigen Schellen, zusätzlich mit inliegenden Resonatoren ausgestattet (die schließlich wieder von Herrn Wummrich entfernt werden mussten , da sich die Bewohner der umliegenden Dörfer über den Lärm beschwert hatten), war nötig, um die Herbisophin aus ihrem beneidenswert tiefen Schlummer zu holen.


          So war an diesem Morgen, pünktlich um halbfünf, ein Getöse erschollen, so laut, dass die Waldtiere, groß und klein, plötzlich in helle Aufruhr versetzt gewesen waren. Die Vögel waren in heilloser Flucht aus ihren Nestern geflattert und eilig gegen Süden in leisere Gefilde gezogen. Das Rotwild hatte an den Bäumen geschabt als wolle es sein Geweih herabzubiegen versuchen und sich in die Ohren stopfen, die Eichhörnchen hatten ihre Nüsse gepackt und waren geflohen, und selbst die Bären in den Höhlen der weiter entfernten Berge waren jäh aus dem Winterschlaf gerissen worden und hatten einander verdutzt angesehen.


          Zieselhild indes, die so leicht zu wecken nicht war, hatte nur verschlafen gegrunzt und sich nach einer Zeit langsam im Bette herumgedreht, um den Wecker endlich zum Verstummen zu bringen. Blindlings herumtastend hatte sie schließlich den kleinen Hebel gefunden, um den Klöppel zu fixieren und dem entsetzlichen Lärm ein Ende zu bereiten. Und mit dem Verstummen der Schellen hatte sich eine gespenstische Stille in den Hügeln ausgebreitet, in der kein Laut zu hören gewesen war, kein Vogelsang, kein Rascheln, kein Knacken des Unterholzes - einzig das Brummen der verschlafenen Zieselhild, die vergeblich versucht hatte, ihrem „Frühtau zu Berge“ das nötige Cantabile zu verleihen, hatte angezeigt, dass der Tag schließlich begonnen hatte. 

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Des Waldes Ruh'
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Episode 5 - Der Seher

          Eines Tages, es war nicht mehr lang bis Weihnachten, da rauschte es plötzlich auf dem Dache wie von tausend Flügeln und eine rostige Stimme hub ein lautes Kreischen an.

"Lass ab von mir, du Taubenvieh!" Es war ganz ohne Zweifel die Stimme Gockls, des Wetterhahns, der sich sonst allein im Vers zu äußern pflegte - der zweite Teil des Verses war aber im Flügelschlagen und Quietschen untergegangen.


          Fräulein Zieselhild Zauserl, die frühe Stunde - es war ja noch nicht einmal Mittag - noch unter Bergen von Polstern und Decken in tiefem Schlafe zubringend, erwachte widerwillig und schob murrend die Schlafmaske auf die Stirn, während sie zu überlegen versuchte, was in aller Welt auf ihrem Dachgiebel vorgehen mochte.

Schlaftrunken und herzhaft gähnend begab sich das Zieserl hinauf in das kleine Türmchen, blickte aus dem Fenster und beobachtete verwirrt den Kampf zwischen einer Taube, die einen Platz direkt neben Gockl zu beanspruchen schien, und dem Wetterhahn selbst, der diese Taube entschlossen abzuwehren versuchte, indem er sich mit wilden Flüchen immer wieder jäh um seine Achse drehte, sodass das erschrockene Tier wild mit seinen Flügeln schlug.

„Gockl!“, rief das Zieserl dazwischen, als sie sich aus dem kleinen Fenster beugte, „was zum Henker ist da los?“


          „Es ist sie! Des Sehers Taube!“ antwortete Gockl und vertrieb erneut das Tier von seiner Stange. „Die verrückt ist, wie ich glaube!“

          „Nur verrückt nach dir, wie es scheint“, lachte Zieselhild.

Sie sah genauer hin - oh ja, das konnte wohl keine sein außer sie. Das Zieserl, mehr der Flora, denn der Fauna zugetan, vermochte nicht zu entscheiden, ob es sich bei diesem Exemplar um eine zum Postalischen neigende Turteltaube oder um eine zum Turteln neigende Brieftaube handelte - eines war jedenfalls offensichtlich: Die Taube, als vermutlich einziges Geschöpf der Schneekugelwelt, hegte große Sympathie für den alten Wetterhahn, so groß gar, dass sie von seiner Seite nicht weichen wollte, gleichviel wie sehr sich dieser wehrte und sträubte. Kein Zweifel, dachte Zieselhild , als sie das unbelehrbare Tier betrachtete, es war das Schmiegchen, wie Ziesehild es vor Längerem schon getauft hatte - die Brieftaube des Sehers. 

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Episode 4 - Herrn Schmetterlings Parfümerie

          Herr Schmetterling war von zurückhaltendem Naturell. Er behauptete das nicht selbst - dazu war er zu zurückhaltend - nein, er war es bestätigtermaßen. Seine Kundschaft hatte ihm nicht nur Zurückhaltung bestätigt, sondern auch Finesse, Geduld und vor allem lückenlose Fachkenntnis im Reich der Düfte - jenes Metier, das Herrn Schmetterlings uneingeschränktes Interesse gewonnen zu haben sich glücklich schätzen durfte. Seine Kundschaft war oft kapriziös, oft konservativ, oft von maßloser Dummheit und sehr oft alles zu gleichen Teilen, doch Herr Schmetterling meisterte jede Situation ohne Faux-pas, und war doch einmal eine Beschwerde vorgekommen, so hatte er diese auf vollendete Weise pariert.

 

          "Ihr seid ein Schatz", pflegte Frau Zimperl stets zu sagen, ehe sie in einer Wolke allerteuersten Parfüms sein Geschäft verließ, und "Ihr seid ein Goldstück", die Frau Raschl, wenn sie sich knisternd von Taft vorbeugte, um ihm ein Küsschen auf die Wange zu hauchen - ja, Herr Schmetterling war unübertroffen als Verkäufer von Parfümerie- und Drogerieartikeln und unerschütterlich in der Beratung selbst der allersensibelsten Kundschaft. In seinem kleinen olfaktorischen Etablissement am Hauptplatz im Dorfe war seit seiner Gründung noch niemals eine Unhöflichkeit vorgekommen, und so überraschte es Herrn Schmetterling ungemein, als er bemerkte, dass es nicht mehr lange dauern konnte, ehe in seinem Gewölbe die allererste Unhöflichkeit geäußert werden würde, und zwar von ihm höchstselbst.

 

          Denn die Kundschaft, die seit mehr als einer halben Stunde seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm - ja, missbrauchte - strebte unzweifelhaft danach, seine Duldsamkeit zu prüfen, seine Langmut zu strapazieren - kurz: die Kundschaft ging ihm allmählich auf die Nerven.

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Episode 3 - Der arme Herr Kreidl

         Eines Tages bekam das Zieserl, das eigentlich Fräulein Zieselhild Zauserl hieß und Zieserl genannt zu werden nur Leuten erlaubte, mit denen sie freundschaftlich genug verkehrte - bei allen anderen nämlich bestand sie auf Fräulein Zauserl oder auch Fräulein Zieselhild, letzteres ausschließlich als Zugeständnis an die Damen, die als Kundinnen das kleine Häuschen in der Flockerlheide Nummer 1 aufsuchten, um Salben und Seifen und Tränke und Tees bei größtmöglicher Diskretion zu erwerben - eines Tages also bekam das Zieserl unerwarteten Besuch.


          Nun, so gänzlich unerwartet war der Besuch nicht, denn seit Kurzem erlaubte eine besondere Einrichtung, vom Herannahen von Besuch schon frühzeitig Kenntnis zu erlangen und ermöglichte Zieselhild, stets frischen, noch warmen Kuchen bereitzuhalten, was ihr besonders bei den Damen des Dorfes einen enormen Respekt als Hausfrau einbrachte, zusätzlich zu dem Respekt, den sie schon als Herbisophin genoss.


          Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja - eines Tages also bekam Zieselhild Besuch, der zwar eben nicht unerwartet, aber doch ungewöhnlich war. Gerade hatte sie ein Rezept aus einem antiquarischen Buch, dessen altertümliche Typographie sich durch besonders viele Schnörkel der Leserlichkeit entzog, zu entziffern versucht und dabei so sehr die Augen zusammenkneifen und die Stirne runzeln müssen, dass sie insgeheim hoffte, der Text entpuppte sich als Rezept für eine Salbe gegen Krähenfüße und Falten. Eben wendete sie behutsam eine weitere knisternde Pergamentseite, als sie ein wohlbekanntes Quietschen vernahm...

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Episode 2 - Der Wetterhahn Gockl

          Tatsächlich, dachte das Zieserl als sie ihren Blick rundum über die Landschaft schweifen ließ, man konnte von hier aus die gesamte Umgebung bis zum weit enfernten Ende der Flockerlheide überschauen. Bis dorthin konnte man sehen, wo die Abzweigung gelegen war, die einer, vom Dorfe kommend, nehmen mochte, wenn er Rat und Hilfe von der Art suchte, die in der Schneekugel allein das Fräulein Zauserl zu leisten im Stande und gefällig war.

 

          Flockerlheide Nummer 1 war für viele Bewohner der Schneekugelwelt nach der eigenen die wichtigste Adresse im Leben und das dort wohnhafte Fräulein Zauserl, einzige Hexe und Herbisophin der Schneekugelwelt, die erste und letzte Hoffnung bei unangenehmen Leiden, denen sie sich mit überaus wirksamen Tränken und Tinkturen kenntnisreich entgegenstemmte, um sie nach Möglichkeit zu heilen oder doch wenigstens zu lindern. Außer ihrer starken Wirkung war den Flüssigkeiten in den kleinen Fläschchen auch noch der weithin gefürchtete Geschmack gemeinsam, der dem Leiden einen weiteren, bitteren Aspekt für den Patienten hinzufügte, und wenn nicht die Befindlichkeiten dazu zwangen, hätte keiner je den langen, beschwerlichen Weg zur Flockerlheide auf sich nehmen wollen - mit nur einer Ausnahme: Frau Wummrich.


          Vorsichtig, um nicht hinabzustürzen, aber vor allem, um nicht womöglich entdeckt zu werden, beugte sich das Zieserl über die Dachkante. - war die schreckliche Frau immer noch da?

Herrje! Das Rundherumgehen um das Haus, das Spähen in alle Fenster, das Klopfen gegen die Scheiben war noch immer im Gange - wie lange mochte es wohl noch andauern? Böse warf Zieselhild einen scheelen Blick auf ihren Wetterhahn - sie hätte nicht übel Lust gehabt, dieses blöde Stück Blech einfach abzuschrauben und hinunterzuschubsen, wenn sie nicht insgeheim zugeben hätte müssen, dass dieser bei Lichte besehen an der gegenwärtigen Situation schuldlos war und wenn nicht überdies zu befürchten gewesen wäre, dass dadurch die Aufmerksamkeit eben jener Dame geweckt worden wäre, deren Aufmerksamkeit zu wecken sie unter allen Umständen zu vermeiden wünschte - Frau Wummrichs.

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Episode 1 - Das herbisophische Institut

          An manchem Ort zu mancher Zeit, da fürchtet man die Hexen wie den Teufel, und lässt sich nur allzu leicht dazu verführen, sich ihrer auf die allerabscheulichste Weise zu entledigen. Andernorts dagegen, und an besseren Tagen, wünscht ein jeder nichts sehnlicher sich, als einer Hexe guten Rat, schon weil er da meist weniger teuer zu haben ist als anderswo, und es mag vorkommen, dass solcherart Heilssuchende Lieder singend die kleinen Häuschen tieferschrockener älterer Damen umtanzen, die mit Hexen bestimmt nichts gemein haben, als einen wohlsortierten Kräutergarten.

 

          In der Schneekugel aber, in einem winzigen Haus - Rauch rauchte beim Rauchfang heraus - da wohnte Fräulein Zieselhild Zauserl, die nicht wüsste, was von beidem sie mehr fürchtete und darum vor längerem schon beschlossen hatte, kein Risiko einzugehen, und es so gut sie nur konnte, vermied, "Hexe" genannt zu werden oder sich gar selbst so zu nennen. Zwar kannte man unter den Bewohnern der Schneekugel nichts als Respekt vor dem zierlichen Fräulein, und keinem der Männer und Frauen, die in den winzigen Häuschen wohnten, wäre es je in den Sinn gekommen, das Fräulein, dessen Rats sie so oft bedurften, loswerden zu wollen, und bestimmt hätte keiner von Ihnen um das kleine Häuschen herumtanzen mögen - oder auch nur können, wenn man um Linderung für die Schmerzen im Rücken oder in den Knien gekommen war.


         Dennoch - Zieselhild, Kräuterkunde mit wahrhaft wissenschaftlichem Ernst betreibend, nannte sich bevorzugt "Herbisophin" - eine Bezeichnung, die nicht nur ihr hingebungsvolles Interesse an Kräutern und deren Wirkung ausdrückte, sondern auch die keineswegs geringe Kenntnis um alte Sprachen bewies, mit dem Fräulein Zauserl all ihre Kunden zu beeindrucken wusste. Diese, des Griechischen wie des Lateinischen durchwegs nicht mächtig, verstanden von jenem Wort nichts als nur die Silbe "herb", was nichts daran änderte, dass man den Namen sehr passend fand - denn die Tränke und Tees Zieselhilds waren sämtlich von weithin gefürchtetem bitteren Geschmack, so gefürchtet gar, dass manch kränkelnder Patient allein durch den Geruch der Flüssigkeit auf dem Löffel ebenso gründlich wie plötzlich von seinem Leiden genas.

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Episode 1 - Das herbisophische Institut
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A propos Winter...

Was wäre Weihnachten ohne die Weihnachtslesung der Satyriker?

Und a propos Weihnachten...

Was wäre ein Christbaum ohne ein hübsches Geschenk aus dem Satyriker Online-Shop?